Sebastian Wiswedel
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GELBE KREISE IN JAPAN
Einfahrt
Einfahrt
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In einer Straße mit schmalen Häusern und dicht beieinanderliegenden Läden komme ich an einem geöffneten Garagentor vorbei. Durch dieses offene Tor blicke ich in einen niedrigen Raum, der gerade hoch genug zum Stehen ist. In der Mitte des Raumes ist auf dem Betonboden ein gelber Kreis mit dem Durchmesser von etwa zwei Metern gemalt.

Später sehe ich wie ein Auto in eine solche Einfahrt einbiegt. Ein uniformierter Mann geht dem Wagen entgegen, hebt zwei Stäbe, welche gelb leuchten und winkt dem Fahrer des Wagens zu. Das Auto rangiert daraufhin zunächst nach rechts, fährt etwas vor, bis es schließlich genau über dem gelben Kreis auf einer Fläche aus Stahlblech zum Stehen kommt.

Die Gesten des Mannes erinnern mich an die des Bodenpersonals auf Flughäfen, die mit ähnlichen Leuchtstäben Flugzeuge zu ihren Parkpositionen dirigieren. Das Auto steht einen Augenblick still und dreht sich anschließend langsam um die eigene Achse um 180 Grad bis die Frontseite des Fahrzeugs zur Einfahrt zeigt.
Im hinteren Teil des Raumes gleitet zur selben Zeit eine blaue Stahltür zu beiden Seiten auf und der Wagen fährt rückwärts durch die Öffnung. An den Seiten des angrenzenden Raumes erkenne ich ein Tragesystem aus Stahlträgern in welchem weitere Fahrzeuge übereinander gestapelt parken. Der neu ankommende Wagen fährt rückwärts auf die Plattform dieses Regalsystems. Der Fahrer steigt aus, unterhält sich kurz mit dem Uniformierten, der daraufhin einige bunt blinkende Schaltknöpfe betätigt. Alle Autos werden ruckartig in Bewegung gesetzt, gleiten zur linken Seite und anschließend nach oben.
Die Anlage ist vergleichbar mit einem Paternostersystem. Hier rotieren ständig weitere geparkte Autos hinter der Öffnung, bis schließlich eine freie Plattform für das nächste ankommende Auto sichtbar wird. Die Bewegung stoppt und die blaue Schiebetür schließt sich wieder.
Plötzlich wird mir der Sachverhalt klar: dieses Gebäude ist ein automatisches Parkliftsystem. Der gelbe Kreis auf dem Boden markiert die rotierende Scheibe für das Drehen des Wagens. Der Fahrer kann dadurch seinen Wagen sowohl vorwärts in das Parkhaus hinein lenken, als auch vorwärts auf die Straße hinaus fahren.

Über der Einfahrt erhebt sich etwas zurückgesetzt ein etwa dreißig Meter hoher Baukörper aus Stahlblech, der die Technik für das Parksystem umhüllt. Die Fassade dieser hohen und schmalen Parkkiste ist schlicht gehalten bis auf ein großes rot leuchtendes „ P “, das schon von weitem sichtbar ist.

ein gelber Kreis
Großbildansicht
grosses P
Betrachtet man Tokio von einem Hochhaus aus, entdeckt man zuerst nur wenige dieser schmucklosen Boxen.
Im Stadtbild treten sie in unterschiedlicher Weise auf, freistehend als Solitär oder Paar, oder in eine Häuserreihe integriert. Sucht man länger, werden sie für den Betrachter leichter erkennbar und das Netz der Parkhäuser erscheint immer dichter. Sie sind viele und überall, in jedem Viertel und in jeder Straße. Sie tauchen auf wie glatte Steine in einem einförmigen Meer von Kieseln, in dem vorher nichts als Gleichförmigkeit zu erkennen war.

Das japanische Gesetz „shako-shoomei“ schreibt vor, dass man in Tokio für die Registrierung eines Wagens nicht nur Führerschein und Autoversicherung braucht, sondern auch einen ständigen Parkplatz nachweisen kann.
Dieser Parkplatz muss in einem Radius von zwei Kilometern des Wohnortes liegen. Dadurch ergibt sich eine gleichmäßige Verteilung der Parklifte über die gesamte Stadt.
Zusätzlich wird ein erheblicher Bedarf an kommerziell nutzbaren Parkflächen durch das Parkverbot auf den engen Strassen erzeugt. Die Kosten für den Autobesitzer sind dadurch nicht unerheblich, der Preis für einen Parkplatz beträgt in etwa 44.000 Yen oder 400 Euro im Monat. Die 1,7 Millionen gemeldeten Autos der verschiedenen Stadtbezirke Tokios, der sogenannten „Tokio-ku“, verteilen sich zurzeit auf 1400 Parkhäuser.
Die Bedürfnisse nach Parkraum werden durch Parklifte perfekt reguliert indem sie ordnend in die Stadtstruktur eingreifen.
Das Stadtgefüge Tokios basiert auf kleinen und kleinsten Grundstücksgrößen. In Japan herrscht im Erbrecht das Gleichheitsprinzip vor, das eine gleichmäßige Aufteilung der Grundstücksflächen zwischen den Erben vorschreibt. Die ursprüngliche Größe des Grundstückes wird bei mehreren Erben dadurch automatisch immer wieder zerteilt und somit verkleinert.
Alle Häuser eines Bezirkes haben die gleiche Traufhöhe und sind durch einen Abstand von etwa einen Meter von ihren Nachbarn getrennt. Dieser Abstand dient dem Feuerschutz und zergliedert außerdem das japanische Straßenbild, das sich deutlich vom europäischen mit seinen durchgehend bebauten Straßenzügen unterscheidet.
Jedes Haus wird damit zum Turm. In diesem Zusammenhang stellt der Parksafe den Archetypus eines Turmes dar.

Sowohl die Parkplatzproblematik als auch die Grundstücksituation erfordern andere technische Umsetzungen als europäische Parkhäuser. Die vertikale Stapelung von Autos und der mangelnde Raum für entsprechende Rampen zwingen zu einer möglichst platzsparenden Transportmöglichkeit. Die technisch effektivste Lösung ist hierbei der Aufzug. Der Gebäudetypus des japanischen Parkturms ist somit das Resultat dieser Anpassung.

Die Parklifts markieren durch ihre formale Einheitlichkeit wiedererkennbare Punkte in der Stadtlandschaft. Der ruhende Verkehr findet hier zu seinem Zeichen.